Focal Elear im Test – Ausnahmekopfhörer und Grenzübertritt!

 

 

Focal verkauft schon seit längerem Kopfhörer, welche im Preissegment bis 300€ einige Liebhaber haben. Mit der Eigenentwicklung Elear greift das Unternehmen in das Spiel der 1.000€ Klasse ein. Was ein Kopfhörer deutlich über 500€ zu bieten hat und ob der Mehrwert überhaupt noch vorhanden ist, dass möchte ich anhand meiner ganz persönlichen Geschichte zum Focal Elear vermitteln.

Ich darf sagen, dass ich sehr kritisch bin, wenn es um eine solche Summe geht für ein Produkt, für das viele nicht einmal 100€ bereit wären zu zahlen. Ich selbst kann mir eigentlich auch nicht vorstellen, eine Monatsmiete für einen Kopfhörer auszugeben, habe es aber dennoch getan.

Deswegen beschränke ich mich hier auch nicht auf eine weitere Produktrezension im bisher von mir bekannten Umfang. Dieses Thema ist sensibler und benötigt auch etwas mehr Raum, um sich zu entfalten. Deswegen gibt es hier nun…

 

Meine ganz persönliche Geschichte zum Focal Elear

Ich zähle mich zu der Gruppe Technikbegeisterter mit dem Hang, immer auf dem Laufenden zu sein. Da geht es mir ähnlich wie dem Menschen, der im Eisenbahnmodellbau tätig ist. Es gibt immer irgendeine „Baustelle“, bei der man sich verwirklichen kann. Neue Projekte erfordern häufig auch immer ein bisschen mehr an Investition, sei es nun mehr Hingabe oder auch die Bereitschaft mehr Geld auszugeben. Oft geht sogar beides Hand in Hand. Dennoch gibt es immer individuelle Grenzen, dabei ist es egal, ob man sich diese selbst setzt oder ob sie den äußeren Bedingungen geschuldet sind.

Genau so geht es mir mit meiner Leidenschaft für Musik und Technik und allem was damit zu tun hat. Derzeit sind vorrangig Audio-Player, Kopfhörerverstärker und in ganz besonderem Masse Kopfhörer in meinem Fokus. Kopfhörer sind sogar eine besondere Klasse für sich, denn sie sind nicht nur ein technisches Gerät, welches sehr gut funktionieren muss, vielmehr besitzt ein Kopfhörer noch die Eigenschaften von guter Kleidung. Neben den drei „Gefallen“-Faktoren Technik, Design und Tragekomfort gibt es noch einen sehr wesentlichen Aspekt, in der Klasse des Focal Elear wahrscheinlich den wesentlichsten, nämlich die ganz persönliche Investitionsbereitschaft.

Mein Hobby hat hinsichtlich finanzieller Aufwendungen ganz konkrete Grenzen, denn ich bin zum einen nicht nur mir selbst verpflichtet sondern zum anderen sind die zur Verfügung stehenden Mittel ganz schlicht und ergreifend nur endlich vorhanden. Preis spielt eine Rolle.

Umso mehr freue ich mich, wenn ich auf Basis einer Leihstellung meinen Horizont erweitern und andere Interessierte auf diesem Weg daran teilhaben lassen kann, wie es in diesem Fall der Ausgangspunkt für meinen Artikel war.

„Hifi im Hinterhof“ an dieser Stelle meinen besten Dank, dass ich den Elear unverbindlich zu Hause ganz entspannt testen konnte! Ohne diese Möglichkeit hätte ich diese Investition wohl nicht getätigt.

 

Warum hole ich soweit aus bevor ich konkret zum Focal Elear komme?

Das ist einfach gesagt, denn dieser Kopfhörer liegt im Kern mit einem Listenpreis von knapp 1.000€ deutlich außerhalb meiner persönlichen Investitionsbereitschaft und dennoch beschäftige ich mich mit ihm… nur Warum?

Natürlich schaue ich mich auch bei Kopfhörern in Fachzeitschriften und im Internet um und selektiere da für mich meine Möglichkeiten, welche Produkte für mich in Frage kommen. Doch jeder kennt wohl das Gefühl und hat vielleicht auch eine persönliche Wunschliste wie irgendwann einmal mit einem bestimmten Sportwagen zu fahren oder einen besonderen Urlaub zu verbringen oder einfach wie bei mir einen als unglaublich gut angepriesenen Kopfhörer zu hören.

 

Auf zum Fachhändler

Dieses Jahr habe ich mich mit meinem Bruder anlässlich meines Geburtstages getroffen und wir haben einige Zeit miteinander verbracht. Dabei entstand die Idee, sich einfach in einem Fachgeschäft durch einige hochpreisige Kopfhörer zu hören.

Hier in Berlin gibt es eine Adresse, die mir schon sehr häufig in Gesprächen genannt wurde.

„Hifi im Hinterhof“ ist ein Berliner HiFi-Fachgeschäft, in dem alle Ansprüche bedient werden und zudem auch Luxus vertreten ist.

In der Großbeerenstraße gibt es unter anderem ein sehr ordentlich ausgestattetes Kopfhörerstudio. In diesem Studio sind auch einige Modelle der Preisklasse 1.000€ und höher vertreten, so natürlich auch der Focal Elear. Auch ohne Kaufabsicht, was ich zuvor angemerkt hatte, hat mich Herr Dimitrov zuvorkommend hinterfragt und mir einige Probeexemplare hören lassen, die durchaus meinem Geschmack entgegen gekommen sind. Ich habe mich sozusagen langsam zum Focal Elear hingearbeitet. 😉

 

Mein Eindruck

Der Focal Elear ist der Kopfhörer, der mich meine eigenen Grenzen vergessen macht!

Bei ihm stellt sich bei mir das kindliche Gefühl des kompromisslosen „Haben Wollens“ ein. Koste es, was es wolle! Das hat mir meine Frau übrigens direkt angesehen, als ich am Abend den Elear ausgepackt hatte, sie dabei anschaute und ganz ernst meinte: „Keine Angst, der ist nur leihweise hier!“

Der Focal Elear begeistert mich, weil er mich eines Besseren belehrt hat, da meine bisherige Erfahrung war, dass für unterschiedliche Musik auch unterschiedliche Kopfhörer notwendig sind. Perfekt ist der Elear sicherlich nicht, doch für mich sehr nahe dran. Er kann dynamisch, aggressiv, sanft und verträumt zugleich spielen. Keine Disziplin, bei der ich nun auf einen anderen Kopfhörer aus meiner Sammlung zurückgreifen würde. Einzig das offene Prinzip verhindert es, mit ihm laut zu hören, wenn jemand anderes im Raum schlafen, lesen oder auch Fernseher gucken möchte. Was mir aber bei diesem „zwangsweise“ leisen Hören aufgefallen ist, ist die lineare Skalierung des Focal Elear. Der Bass hat auch leise gespielt etwas „körperliches“. Selbst mit geringer Energiezufuhr geht der Bass hörbar bis tief in den Keller hinab. Andere Kopfhörer benötigen deutlich mehr Leistung, um sich ähnlich zu entfalten. Auch mit zunehmender Lautstärke wird er dabei nicht aufdringlich oder ändert seinen Charakter.

 

Der Focal Elear spielt eher neutral und doch wieder nicht. Er ist absolut tauglich für das Langzeithören ohne dass er langweilig wird oder zu aufdringlich. Sarah McLachlan singt auch in den höchsten Lagen eindrucksvoll ohne dass zusätzliche Sibillanten entstehen. Kurz gesagt, Gesang und Mitten spielt der Elear für mich perfekt. Obere Mitten und der Hochton sind zwar warm abgestimmt und dennoch kommen die Akzente Dank des vorbildlichen Superhochtons auf den Punkt. Jazz in aller Richtungen ist mit dem Elear ein Ohrenschmaus und auch Klassik ist detailliert durchhörbar. Bildlich spielt das Orchester in einem Kreisbogen vor mir, während ich in der ersten Reihe genau mittig vor der Bühne sitze. Einzelne Instrumente und Solisten sind präzise ortbar. Und nur wenn der Tonmeister es will, spielt der Konzertflügel zwei Meter vor dem Orchester halblinks. Alles passt!

 

Eine ganz besondere Erfahrung ist für mich das Album „Companion“ von Patricia Barber, dass live im Green Mill in Chicago aufgenommen wurde. In dem Album bietet die Ausnahmekünstlerin in feinster Jazzmanier unter anderem Cover von bekannten Stücken dar. Black Magic Woman ist die außergewöhnlichste und zugleich spannendste Version, die ich kenne. Mit dem Focal Elear sind Details zu hören, die mir zuvor so nicht aufgefallen sind. Während des Stückes sind das Knarren von Stühlen, das Abstellen von Gläsern auf dem Tisch und sogar kurze Unterhaltungen der Gäste von deren Sitzplätzen aus zu hören. Mit jedem neuen Hören kommen weitere Details dazu. Hier ist der Eindruck mit dem Elear hinsichtlich der Bühne genau anders herum. Ich habe das Gefühl als stünde ich selbst am Mikrofon. Toll!

 

 

Zuletzt gibt es noch „Reality“ von Oliver Koletzki aus dem Album „I am okay“. Der trockene und sanfte Bass leitet das Stück ein während im Hintergrund eine Wartehalle wahrnehmbar ist. Ab Sekunde 15 zeigt der Elear sich dann von seiner feinen und präzisen Seite, so werden die ersten Akzente von rechts und links eingespielt. Leise einfach nur zum Zuhören schön und spannend, wie sich das Stück entwickelt. Ab etwa 3:20 lohnt es sich dann auch lauter zu hören, denn dann verläßt man virtuell das Studio und läuft ein Treppenhaus hinunter bis auf die Straße, wobei jedes noch so leise Detail exakt wiedergegeben wird. Selbst das tiefbassige brummen von LKW Motoren ist klar wahrnehmbar. Sehr eindrucksvoll und sehr realistisch!

 

Auch wenn ich hier noch viel mehr beschreiben könnte, wird so schon klar, wie angetan ich vom Focal Elear bin. Da ist es schon fast Nebensache, dass die Verarbeitungsqualität des Focal Elear hervorragend ist und auch für meinen großen Kopf und meiner recht großen Ohren der Tragekomfort unheimlich bequem ist. Auch in Sachen Robustheit ist der Focal Elear durch das verwendete Material und die Ausgestaltung der Lautsprechergehäuse ganz vorne mit dabei, auch wenn das Gewicht mit knapp 450gr nicht leicht ist. Doch Dank des breiten, weichen und für mich sehr gut geformten Kopfbügel ist das Gewicht kaum zu spüren. Da hatte ich auch schon deutlich leichtere Kopfhörer auf, die schon nach wenigen Minuten unangenehm gedrückt haben.

 

Meine Geschichte zum Focal Elear möchte ich hiermit erst einmal beenden und gönne mir noch den ein oder anderen Track während ich den Artikel überarbeite und veröffentliche.

 

PS:

Ich werde mich nun von einigen meinen bisherigen Kopfhörern trennen. Nicht, weil sie plötzlich schlechter geworden wären. Es wäre einfach unverzeihlich, wenn sie nicht mehr mit der ihn zustehenden Wertschätzung gehört werden würden.

Mark "MLSensai"

gelernter Radio- und Fernsehtechniker mit Leidenschaft zu Kopfhörern, DAPs und sonstigen Miniklangwundern  liebt eine ordentliche Reproduktion satter Bässe, ausgewogene Wiedergabe von Stimmen und Instrumenten, entspannter Hochton mit akzentuierter Brillanz, kurz TP-Signatur  hört mit Over Ears: Focal Elex, Fostex TH-X00; Sennheiser HD58X; InEars: Brainwavz B400, iBasso iT01; DAPs: Fiio X7.2, Shanling M3s & M0