Fiio FH5 im Test – Was kann der hybride 4-Wege-InEar?

Fiio erweitert die Produktpalette im Bereich der InEar Kopfhörer um den FH5. Das neue Flaggschiff wird in Deutschland für 279,-€ angeboten und bietet nicht einfach nur hybride Technik sondern bietet im wahrsten Sinne des Wortes mit drei zusätzlichen Schallröhrchen, eines für jeden Balanced Armature Treiber, 4-Wege je Seite zur optimalen Klangführung.


An dieser Stelle geht mein Dank an den Fiio-Shop, über den ich das Leihgerät für diesen Artikel erhalten habe. 


Verpackung

Der Fiio FH5 wird in einem edlen schwarzen Klappkarton geliefert, auf dem ein Gehäuse des FH5 in weißer Farbe skizzenhaft umrissen ist. Nach dem Aufklappen des Kartons werden die Gehäuse und das Kabel des Kopfhörers mittels Einleger präsentiert. Unter dem Einleger sind eine Schatulle aus transparentem Kunststoff mit innenliegender Canvas-Tasche platziert. Im Bereich darüber lagern diverse Tips in einem Setzkasten. Neben einem Satz Memory Foams befinden sich noch drei Sätze Silikon Tips anbei, welche für unterschiedliche klangliche Abstimmungen gedacht sind. So gibt es „balanced“, „bass“ und „vocal“ Tips. Die Silikone mittlerer Größe für neutrale Wiedergabe sich bereits auf den InEars aufgesteckt.

 

Technik

Fiio setzt im Bereich der Balanced Armature Treiber und der Wiedergabe von Mittel- und Hochton erneut auf Knowles als Zulieferer. Der Bass wird durch einen dynamischen Treiber mit 10mm Durchmesser erzeugt. Fiio wirbt mit einem 4-Wege-System, was neben der vier Treiber, die für unterschiedliche Frequenzbereiche zuständig sind, tatsächlich bedeutet, dass jeder der BAs mit einem zusätzlichen Schallrohr versehen ist. Laut Fiio werden so weitestgehend Interferenzen auf dem Weg zum Austritt aus dem Gehäuse vermieden. Somit überlagern sich diese Bereiche erst auf dem Weg in unmittelbarer Nähe des Trommelfells, was die Transparenz und Separation positiv beeinflussen soll. In das Aluminium-Magnesium Gehäuse im patentierten TRISHELL-Design, bei dem das Gehäuse neben vorder- und rückwärtiger Gehäuseschale noch ein zusätzliches Mittelteil enthält, wurden MMCX Anschlüsse für die Kabelanbindung eingearbeitet. Somit ist der Fiio FH5 flexibel, was auch die Nutzung anderer Kabel angeht. Ob unbalanced, balanced oder sogar Bluetooth Betrieb, mit den richtigen Kabeln ist alles möglich. Mit nur 19 Ohm Impedanz und einem Wirkungsgrad von 112db/mW spielt der FH5 selbst an meinem Xiaomi Redmi Note 5 Smartphone mehr als laut genug. Dessen integrierter Verstärker ist im Vergleich zum Kopfhöreranschluß eines iPhone 6S eher schwachbrüstig. Der Frequenzbereich von 15-20.000 Hz ist als obligatorisch anzusehen und genügt jedem HiFi-Anspruch.

 

Tragekomfort

Das Kabel besteht aus zwei recht dicken Einzelkabeln und ist wider Erwarten flexibel genug für variable „Kabelverlegung“ und zugleich auch starr genug, um sich nicht irgendwie ungewollt zusammen zu rollen. Die Haptik des FH5 OverEar-Kabels gefällt mir sehr gut. Beide Seiten sind durch farbige Ringe an den MMCX-Steckern gekennzeichnet, wobei Rot die rechte Seite markiert und Blau die linke. Die Gehäuse selbst sitzen angenehm in meinen Ohrmuscheln und auch das Einsetzen funktioniert einwandfrei. Einzig bei Bewegungen verliere ich gelegentlich den Seal. Auch die Auswahl an beigelegten Silikon-Tips ändert daran nichts. Beim näheren Hinsehen stellt sich heraus, dass die Tip-Aufnahmen für ein tieferes Einsetzen in meine Hörkanäle einfach ein Stück zu kurz sind. Da die Gehäuse recht groß gearbeitet sind, hilft es mir auch nicht, deren Winkel etwas zu verändern, wie es bei InEars mit kleinerem bzw. schmalerem Gehäuse wie z.B. bei dem FH1 möglich ist. Das ist für mich leider ein Manko an dem sonst an sich gut sitzendem und qualitativ hochwertig verarbeiteten Fiio FH5. Mit Memory-Foam-Tips sitzt der FH5 sehr gut in meinem Ohr, doch ddiese verändern den Klang im Hochton zu viel, sprich der Bereich ab den oberen Mitten wird zuviel gedämpft. Das liegt wahrscheinlich daran, dass das Foam Material durch das Zusammenpressen in meinem Gehörgang das Schallröhrechen teilweise verdeckt.
In meinem mittlerweile ansehnlichen Tip-Fundus habe ich schliesslich ein Paar kugelförmige Tips in L gefunden, welche sehr weich sind und einen stabilen Halt gewährleisten, ohne dass der Klang beeinträchtigt wird. Mit diesen bewerte ich im weiteren das, was ich mit dem FH5 höre, sonst würde ich ihm nicht gerecht werden. Die Hürden meine Ohren und den FH5 bestmöglich zu verheiraten soll schliesslich keinen Einfluß auf die klangliche Bewertung haben.

 

 

Klang & Hörproben

Ich darf vorwegnehmen, dass Fiio mit dem FH5 nicht zuviel verspricht. Der Bass wird abgrundtief und kräftig wiedergegeben. Die mitgelieferten Tips nehmen zwar Einfluß auf die Grundabstimmung, der FH5 wird jedoch dadurch nicht zu drei unterschiedlichen InEars. Die Grundabstimmung ist nicht neutral, sondern geht in den spaßig warmen Bereich. Der dynamische Treiber verrichtet seine Dienste mit jeglichem Tip äußerst effektiv. Selbst mit den neutralen oder stimmenorientierten Tips wird die Qualität des Basses nicht schlechter, nur im Verhältnis der Frequenzbereiche zueinander entstehen unterschiedliche Klangbilder. Mit meinem individuell passendem Tip aus meinem Fundus bin ich klanglich zwischen Bass und Neutral. Das gefällt mir sehr gut. Unabhängig von den verwendeten Tips zeigt der FH5, was sehr gut abgestimmte 4-Wege Systeme leisten können. Für die hervorragende Abgrenzung von Instrumenten und Transparenz zeichnen die drei mit einzelnen Schallröhrchen versehenen Balanced Armatures verantwortlich. Während meiner Testphase wurde ich gelegentlich gefragt, ob ich Vergleiche nennen kann, denn nur anhand dieser Beschreibung fällt es offensichtlich oft schwer, einen InEar einordnen zu können. Da viele Interessenten sich oft besser bei OveEar Kopfhörern auskennen, habe ich versucht mich um einen Vergleich in dem Bereich zu bemühen. Wer einen HD650 kennt, der findet zumindest tonal im FH5 eine sehr ähnliche Abstimmung. Der FH5 reicht im Bass jedoch tiefer und betont ihn etwas mehr. Im Bereich Mitten und Hochton ist er aber ähnlich smooth abgestimmt und kann so durch stundenlange Hörsessions ermüdungsfrei gehört werden. Die Räumlichkeit ist geringer als bei dem offenem OverEar, dafür spielt er agiler und dynamischer auf. Zur Verdeutlichung hier ein paar Eindrücke anhand aussagekräftigen Hörproben aus den Bereichen Nu-Jazz, Jazz, Rock und Electronic.

 

Nu-Jazz: Club des Belugas „What is Jazz“

Gleich am Anfang des Songs wird das Retro-Vinyl-Knacksen gut hörbar und sehr fein ziseliert wiedergegeben. Das ist der erste Vorgeschmack, wie gut der FH5 trotz der zurückhaltenden oberen Mitten und des Hochtons auflöst. Mit Einsetzen der Synthi-Klänge, des Basses und des Gesangs zeigt der FH5 wie schön durchhörbar alle Frequenzbereiche wiedergegeben werden. Die Perkussion-Instrumente stehen im Vordergrund ohne zu nerven und treiben den Song voran. Auch bei Einsetzen der Bläser bis hin zum Höhepunkt am Ende der gut 5 Minuten des Songs bleibt dieser mit den FH5 akustisch „aufgeräumt“.

 

Jazz: Jeff Cascaro „When she sings to me“

Die Stimme von Jeff Cascaro wird hervorragend wiedergegeben. Zuweilen ist der Bass etwas sehr im Vordergrund. Hier macht sich die Abstimmung mit den „Vocal“ Tips sehr gut. Die akustischen Akzente im oberen Mittenbereich kommen auf den Punkt. Bei der Brillanz dürfte es für mich einen Tick mehr sein. Aber das ist Kritisieren auf höchstem Niveau.

 

Rock: Blur „Out of time“

Der Titel klingt aufgrund des sehr betonten Basses sehr voluminös, was den Song insgesamt etwas schwer macht. Mit nicht so optimalen Seal und somit einen etwas reduzierten Bassbereich gefällt mir „Out of time“ einfach etwas besser, er rockt dann einfach mehr. Die warme Abstimmung FH5 ist bei Rock oder Classic-Rock nicht ganz optimal.

 

Electronic: Gundelach, Finnebassen: „Footsteps (Original)“

Dieser Song ist mit dem FH5 ein wahrer Ohrenschmaus. Mehr brauche ich dazu eigentlich gar nicht zu schreiben. Der druckvoll federnde Bass und im Kontrast die sehr fein aufgelösten Akzente mit absolut toller Brillanz, das holt mich einfach ab. Klasse!

 

Fazit

Der Tragekomfort von InEars ist wie so oft eine sehr individuelle Angelegenheit. Je größer die Gehäuse sind, desto schwieriger wird es, diese so zu formen, dass sie möglichst universell passen. Das gilt am Ende auch für den FH5. Dennoch ist Fiio mit dem FH5 ein sehr gutes, warm abgestimmtes InEar Flaggschiff im Bereich unter 300€ gelungen. Der Klang überzeugt. Die Möglichkeit zum minimalen Klangtuning, durch unterschiedliche Tips Einfluss auf den Klang zu nehmen, ist ein tolles Feature. In Sachen Transparenz, Feinzeichnung und Dynamik spielt der FH5 auf höchstem Niveau. Wer einen Kopfhörer sucht, um lange Zeit entspannt Musik hören zu können und dabei nicht auf die Wiedergabe von Details und Brillanz verzichten möchte, für den ist der FH5 unbedingt einen „Horcher“ wert.

Bewertung

  • 96%
    Tiefbass - 96%
  • 96%
    Bass - 96%
  • 92%
    Mitten / Stimme - 92%
  • 92%
    Mitten / Instrumente - 92%
  • 92%
    Obere Mitten - 92%
  • 90%
    Hochton / Brillanz - 90%
  • 94%
    Dynamik - 94%
  • 90%
    Konstruktion - 90%
  • 88%
    Tragekomfort - 88%
  • 96%
    Verarbeitung - 96%
  • 92%
    Preis / Leistung - 92%
92.5%

 

Galerie

Mark "MLSensai"

gelernter Radio- und Fernsehtechniker mit Leidenschaft zu Kopfhörern, DAPs und sonstigen Miniklangwundern  liebt eine ordentliche Reproduktion satter Bässe, ausgewogene Wiedergabe von Stimmen und Instrumenten, entspannter Hochton mit akzentuierter Brillanz, kurz TP-Signatur  hört mit Over Ears: Focal Elex, Fostex TH-X00; Sennheiser HD58X; InEars: Brainwavz B400, iBasso iT01; DAPs: Fiio X7.2, Shanling M3s & M0