Audeze LCD-3 im Test – Erfolgskonzept vorangetrieben

Bei Audeze und der LCD-Serie stelle ich mir die Frage, ob es mit jedem neuen Modell darum geht, den LCD-Klang konsequent zu verbessern und sich der Perfektion anzunähern oder die Serie durch neue Impulse atmen zu lassen?

Zumindest mit dem LCD-3 kann ich nach dem LCD-2 nun einen weiteren Kopfhörer dieser Serie unter die Lupe nehmen, um der Antwort ein Stück näher zu kommen.

 

Mein Dank geht an dieser Stelle an Carsten Hicking von www.audionext.de, der mir mit dieser freundlichen Leihgabe diesen Testbericht überhaupt erst möglich gemacht hat.

 

 

Inhalt

1. Lieferumfang
2. Design & Verarbeitung
3. Tragekomfort & Haptik
4. Technische Daten
5. Anforderungen an Verstärker
6. Klangwelten LCD-3 vs. LCD-2
7. Hörproben
8. Fazit & Bewertung
9. Galerie

 

 

1. Lieferumfang

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Der LCD-3 wurde mir im Travelcase angeliefert, welches neben einem etwa 2,5m langem Stereo-Kabel mit 6,3mm Klinke-Stecker auch ein symmetrisches Kabel mit XLR-Stecker beinhaltet. Zudem sind noch ein Zertifikat in einem Umschlag und eine Kurzbeschreibung des Kopfhörers enthalten. Im herausnehmbaren oberen Einleger befindet sich der Kopfhörer sicher in einem passgenauem Bett aus Schaumstoff, beim Zuklappen wird der LCD-3 durch dem Schaumstoff im Deckel fixiert. Sehr schön gelöst, wobei der Koffer selbst eher zweckmäßig ist und eher danach aussieht, als würde er bei einer Konzerttour mit allen anderen Kisten für die PA mit auf den LKW verladen. Allein sein eigenes Gewicht und Volumen disqualifiziert ihn für mich als Travelcase für die Nutzung auf Flugreisen. Auf der anderen Seite stellt sich mir die Frage, ob ich den LCD-3 überhaupt mit meinen Koffer aufgeben würde, wenn ich ihn denn tatsächlich überhaupt mitnehmen würde. Das Risiko, das mir diese Investition abhanden käme, wäre mir persönlich wahrscheinlich deutlich zu groß. Für solche Zwecke schiele ich eher in Richtung Sine oder EL-Serie. 😉

 

 

2. Design & Verarbeitung

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Optisch ist der LCD-3 dem LCD-2 schon recht ähnlich. Das Design ist im Prinzip identisch, die Materialien unterscheiden sich jedoch voneinander. Ob das nun unbedingt „besser“ ist, das hängt sicher vom persönlichen Geschmack ab. Warum aber im Kern nicht bei dem bleiben, was bereits erfolgreich ist?

 

Ich persönlich empfinde den LCD-3 in Sachen Materialwahl und Verarbeitung klar als Upgrade zum von mir getesteten LCD-2. Anfangs war ich skeptisch, was die braunen Alcantara Polster angeht. Doch in Verbindung mit dem eher dunklen Zebranoholz wirkt der Kopfhörer wie aus einem Guss. Die Verarbeitung aller Materialien einzeln und insbesondere die Ineinanderpassungsind mustergültig. Die Buchsensockel sind aus Chrom, was mir als Ergänzung zu den silberfarbenen Stiften zwischen Kopfband und Treibergehäuse sehr gut gefällt. Auch wenn der konstruktive Aufbau eine gewisse sportliche Note generell ausschließt, denn schlank und agil ist in meinen Augen kein Kopfhörer aus der LCD-Reihe. In meinem Artikel über den LCD-2 habe ich die LCD-Serie als „barock“ bezeichnet“ und dennoch wirkt im direkten Vergleich der kontrastreiche LCD-2 mit hellem Bambusholz, schwarzem Metall und Leder eher jugendhaft. Der LCD-3 lädt mit seiner gediegene Schwerfälligkeit ganz im Sinne des Barocks einfach zum ausgiebigen Musikhören ein. Sein Gewicht von 630gr gegenüber dem damals getesteten LCD-2 mit 550gr unterstreicht meinen Eindruck.

 

 

3. Tragekomfort & Haptik

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Trotz des hohen Gewichts bleibt die Überbelastung durch das Kopfband aus, was zunächst sehr gut ist, denn hier hatte ich die größten Bedenken. Allerdings „erkauft“ der LCD-3 die Entlastung der Schädelplatte durch einen recht hohen seitlichen Anpressdruck. Trotz der super weichen Ohrpolster, die auch Dank der rauen Oberfläche sehr angenehm sind und auch auf Dauer keinen Hitzestau provozieren, braucht es ein paar Minuten der Gewöhnung an das Tragen des Kopfhörers. Dazu gehört aber auch eine leichte Nachjustierung, sonst drückt mir der vordere Teil der Gehäuse zu stark auf das Jochbein, was sich dann spätestens nach einer Stunde sehr unangenehm bemerkbar macht. Wer hier unempfindlich ist, wird den Tragekomfort des LCD-3 als optimal empfinden.

 

 

Insgesamt ist mein haptischer Eindruck, den LCD-3 aus seiner Transportbox zu nehmen, die tadellose Verarbeitung mit den Händen zu spüren und sein ordentliches Gewicht angenehm verteilt auf dem Kopf zu wissen, sehr gut.

Beim Schreiben des letzten Satzes kommt mir spontan die bildliche Assoziation einer Krönung in den Sinn. Quasi Der LCD-3 als sich immer Wiederholende Selbstkrönung. 😉

 

PS:

Ich frage mich, wie das der LCD-4 toppen kann? LOL

 

 

4. Technische Daten

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Auch wenn ich die technischen Daten im Text verteile, möchte ich sie an dieser Stelle noch einmal kurz zusammengefasst darstellen. (Quelle der Spezifikationen: Audionext)

 

Spezifikationen:

Bauart: offener, magnetostatischer Flachmembran-Schallwandler
Ankopplung: ohrumschließend
Ohrpolster: Premium Lammleder oder Alcantara (vegane Version)
Frequenzgang: 5 Hz – 20 kHz, nutzbare Schallpegelanteile bis 50 kHz
Verzerrungen: weniger als 1% selbst bei Vollaussteuerung
Impedanz: 50 Ohm nominell
Max. Membranauslenkung: 2,5 mm (Spitze-Spitze)
Wirkungsgrad: 93 dB / 1mW
Max. Belastbarkeit: 15 W
Max. Schallpegel: 133 dB, 15 W
Aktive Membranfläche: 39,8 cm^2
Kabel: Spezialkabel mit XLR-Steckverbindung
Anpressdruck: ca. 1,5 N
Gewicht: 550 g (ohne Kabel)

 

PS:

Da es den LCD-3 je nach Gusto in unterschiedlichen Ausführungen gibt, vermute ich dort den Unterschied zwischen den von mir gemessenen 630gr zu den Angaben bei Audionext.

 

 

5. Anforderungen an Verstärker

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Der LCD-3 ist kein Kopfhörer für den direkten Betrieb an Notebooks oder Smartphones. Er klingt ohne einen leistungsfähigen Verstärker einfach kraft- und saftlos, um das so lapidar auszudrücken. Mindestens ein DAP wie der Shanling M2S/M3S sollte es sein, um auch eine gute Lautstärke zu erreichen. Spaß kommt aber erst mit einem Fiio X5.3, einem Fiio X7.2 oder auch einem iBasso DX200 auf. Mit dem RHA DACAMP L1 kommt dann neben der erforderlichen Spaß-Lautstärke auch eine bessere bzw. Präzisere Abbildung und Räumlichkeit dazu. Hier wird richtig hörbar, warum es Spezialisten gibt. Der LCD-3 hat enormes Potential, das es auszuschöpfen werden will. Wie schon beim LCD-2 kommt aber erst mit dem Betrieb an einem stationären Kopfhörerverstärker richtige Freude auf, in meinem Fall der Questyle CMA400i. An diesem habe ich mit dem mitgeliefertem symmetrischen XLR-Kabel auch die Möglichkeit den LCD-3 symmetrisch zu betreiben, also den linken und rechten Treiber separat voneinander ansteuern zu lassen. Die Kanaltrennung ist damit optimiert, ein Übersprechen somit definitiv unhörbar. Auch wenn durch Messungen nicht wirklich belegbar und somit auch ein wenig „Glaube“, hört sich für mich der LCD-3 im symmetrischen Betrieb einfach noch eine Spur offener und räumlicher an. Erst mit dem Questyle wird das Potential des LCD-3 vermutlich annähernd voll ausgeschöpft, sowohl im Bereich der Räumlichkeit, Transparenz und Lautstärke. Bereits auf Zwei-Uhr spielt der LCD-3 ohrenbetäubend laut und dabei super sauber.

 

 

6. Klangwelten & LCD-3 vs. LCD-2

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Ich fange mit dem direkten Vergleich der beiden Geschwister untereinander an. Der LCD-2 hat mir bereits gut gefallen. Für mich klingt der LCD-3 nach einer konsequenten Weiterentwicklung, um die anfängliche Frage aufzugreifen. Im Mittenbereich hat sich gerade so viel getan, dass er bei mir mit den ersten Sekunden Musik quasi sofort „einrastet“.

Tonal passt bei dem LCD-3 alles, auch wenn er nicht ganz meiner bevorzugten TP-Signatur entspricht. Neben einer hervorragenden Kanalgleichheit, wie sie in den Messungen anhand des blauen und roten Frequenzverlaufs im Vergleich zu erkennen ist, spielt der Kopfhörer überaus authentisch.

 

 

Vom Bass ab 25Hz angefangen quasi schnurgerade mit bis 1kHz gönnt er sich keine Ausreißer. Erfreulicherweise gibt es überhaupt keine Peaks in irgendeinem Bereich, die für den ein oder anderen störend sein könnten. Mit einer leichte v-förmigen Senke bei 3,75kHz entschärft er den Mittenbereich sehr schön, ohne dass die Durchhörbarkeit auf der Strecke bleibt. Der Hochton steigt quasi stetig an bis etwa 12-13kHz und pendelt sich auf dem Lautstärkeniveau -3 Niveau unter dem Bassbereich ein. Für meine Ohren ist das nahezu optimal.

 

Im direkten Vergleich ist der LCD-2 in Grau dargestellt. Wer beim LCD-2 Mitten und Hochton bereits als sehr schön empfindet, sollte dennoch in den LCD-3 hinein hören, auch wenn der relativ breitbandig um etwa 5dB darüber liegt, was schon deutlich betonter ist. Für mich klingt der LCD-3 im Vergleich zum LCD-2 individuell „richtiger“.

 

Was definitiv zur Klangwelt noch dazu gehört, ist mein Eindruck, den ich eine ganze Zeit hatte, nämlich dass ich beim LCD-3 etwas die Dynamik vermisse. Ich habe das bereits im Kapitel zuvor „Anforderungen an den Verstärker“ angedeutet. In Hörvergleichen zwischen den AEON Flow und dem LCD-3 ist mir aufgefallen, dass der AEON immer etwas dynamischer und agiler geklungen hat. Das liegt aber nicht an den unterschiedlichen Signaturen der Kopfhörer sondern tatsächlich daran, dass der AEON zwar leistungshungriger als der LCD-3 ist, doch dafür kommt der bereits im normalen Stereo-Betrieb in seinen optimalen Betriebsbereich. Beim LCD-3 ist mir erst beim letzten drittel meiner Testphase, welche ich mit dem Questyle CMA400i in symmetrischer Zuspielung bestritten habe, dieser Sachverhalt aufgefallen. Der LCD-3 öffnet sich symmetrisch angetrieben noch um die paar Prozente im Bereich der Dynamik und Transparenz, dass er auch in dem Bereich mit dem AEON Flow gleichauf spielt.

 

 

 

7. Hörproben

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Auch wenn der LCD-3 etwas „barock“ anmutet, kann er nicht nur Klassik sehr gut wiedergeben. Er hat mich durchweg durch alle Genres überzeugt. Dennoch möchte ich mit etwas klassischem Anfangen und mich dann langsam steigern. 😉

 

„Feste Romane (Roman festivals), P.157“ von Ottorino Respighi

Hier handelt es sich um eine Aufnahme, die als Beispiel für eine Sourroundwiedergabe gedacht ist. Diese Aufnahme mag ich persönlich mit Kopfhörern eigentlich nicht so gern, da ich die akustischen Informationen oft als zu viel links und rechts empfinde. Questyle und Audeze zaubern hier jedoch eine Räumlichkeit, in der selbst ich mich wiederfinde und auch im Tutti für mich alle Instrumente gut separiert bleiben. Überfordert fühle ich mich mit dem Audeze nicht.

 

„Dacoit Duell“ von A.R. Rahman

Mit dem richtigen Kopfhörer gehört, und das ist der LCD-3 im symmetrischen Betrieb, ist dieses Stück absolut großartiges klangliches Kopfkino! Die orchestrale Opulenz, die instrumentalen Details und die grandiose Dynamik. Im letzten drittel reißen mich die Trommeln bis zum Ende fasziniert mit. Am Ende stelle ich mir nichht die Frage, was geht da noch besser.

 

„16 Tons“ von Tom Morello

Hier kommt es mir neben dem Gesang auf das Klavier an. Bei vielen Kopfhörern wird mir das Klavier oft zu vordergründig dargestellt und einzelne Anschläge lassen mich oft ungut zusammenzucken. Nicht so mit dem LCD-3, hier passt das sehr gut.

 

„Long Train Runnin'“ von The Doobie Brothers

Dieser Song klingt mit dem LCD-3 schon mit den ersten Tönen sehr schön frisch und räumlich, ohne zu übertreiben. Die Mundharmonika spielt sehr schön im Vordergrund und breitet sich angenehm aus, fast wie live. Eine ganz tolle Präsentation dieses Klassikers.

 

„Warschauer Strasse“ von Oliver Koletzki

Auch bei elektronischer Musik klingt der LCD-3 überzeugend. Hier kommt ihm äußerst zugute, dass er den Bass ohne Abfall bis hinunter zu 25Hz wiedergibt, wenngleich eine leichte Betonung im Oberbass dem Stück etwas mehr Agilität und Punch verleihen würde. Da kommt der LCD-3 nicht ganz an die Spitze heran. Alles andere wird hingegen genau dosiert wiedergeben. Da vermisse ich nichts.

 

„Happy Song“ von Avenged Sevenfold

Als Abschluß der Bereich Metall. Dafür nehme ich immer wieder gern diesen Song von der Playlist von kopfbox.de. In dem Song geht es zur Sache und oft schranzen mir die E-Gitarren zu vordergründig und spätestens wenn zusätzlich im Refrain mit dem Gesang die Post abgeht, strecken einige Kopfhörer ihre Flügel bzw. Hört sich das alles nicht mehr gut an. Der LCD-3 überspitzt hier nichts, doch bei dieser Art von Musik ist er dem LCD-2 für meine Ohren etwas unterlegen. Denn der LCD-3 bringt alle Instrumente etwas mehr nach vorne, Dank des etwas betonterem Mittenbereichs im Vergleich zum LCD-2. Und hier ist eigentlich der einzige kleine Kritikpunkt, dass nämlich für mich hier wieder etwas zu viel im Mittenbereich „passiert“. Dabei bleibt der LCD-3 technisch jedoch sauber. Hier geht es tatsächlich um ein rein subjektives empfinden.

 

Abschließend kann ich sagen, dass ich den Testparcours der Hörproben ein zweites Mal durchlaufen habe, nachdem ich erkannt hatte, dass der LCD-3 erst im symmetrischen Betrieb richtig zeigt, was in ihm steckt. Deswegen sind alle meine Eindrücke zu den einzelnen Songs dem symmetrischen Betrieb entnommen. Tonal klingt er „nur“ stereo angetrieben genauso hervorragend, doch einzelne Akzente, Schlagzeug, explosive Sachen usw. wirken alle etwas abgeflacht. Das i-Tüpfelchen der Begeisterung fehlte mir zuvor. 🙂

 

 

8. Fazit & Bewertung

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Was bleibt am Ende für ein Eindruck vom LCD-3 zurück?

 

 

Für einen Kaufpreis von etwa 2.450€ musste sich der Audeze LCD-3 sehr kritisch beäugen und behorchen lassen. Ihn konnte ich als geliehenen Kopfhörer bisher der längste Testphase unterziehen. Geschenkt bekommen hat er da nichts. Im Gegenteil, immer wieder habe ich ihn auf den Prüfstand gestellt.

 

Beim LCD-3 handelt es sich um einen der besten Kopfhörer, was Verarbeitung und Klang angeht, die ich bisher so lange hören, ja regelrecht genießen konnte. Tatsächlich verlässt er mich nun mit ein wenig Wehmut und wäre da nicht der für mich eingeschränkte Tragekomfort, stünde er auch sehr weit oben auf meiner Investitionsliste.

 

Kurz und knapp: Chapeau Audeze!

 

Bewertung

 

9. Galerie

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Mark "MLSensai"

  • gelernter
  • Radio- und Fernsehtechniker mit Leidenschaft zu Kopfhörern, DAPs und sonstigen Miniklangwundern
  • liebt
  • eine ordentliche Reproduktion satter Bässe, ausgewogene Wiedergabe von Stimmen und Instrumenten, entspannter Hochton mit akzentuierter Brillanz -> bildlich ein leicht nach links gedrehter, flacher Kreisausschnitt als Klangkurve
  • hört mit
  • Over Ears: Sennheiser HD700, Fostex TH-X00; InEars: Brainwavz B400, iBasso iT01; DAPs: Fiio X7.2, Shanling M3s